BAuA: Präsentismus-Kosten
Was sind Präsentismus-Kosten — und warum übersteigen sie laut BAuA die Fehlzeiten-Kosten?
Die BAuA-Metaanalyse GD 60 (285 Studien) zeigt: Präsentismus — Mitarbeitende, die krank arbeiten — verursacht volkswirtschaftlich höhere Kosten als Absentismus (Fehlzeiten). BGM, das nur auf AU-Tage zielt, unterschätzt den Handlungsbedarf systematisch.
BAuA GD 60: Präsentismus vs. Absentismus
| Kennzahl | Befund BAuA GD 60 | BGM-Konsequenz |
|---|---|---|
| Kosten-Verhältnis Präsentismus : Absentismus | Präsentismus übersteigt Absentismus volkswirtschaftlich | BGM darf AU-Tage nicht als einzigen Erfolgsmaßstab nutzen |
| Studienbasis | 285 Studien im Review | Robuste Metaanalyse — kein Einzelbefund |
| Präsentismus-Messung | Schwierig — kein einheitliches Maß | Work Ability Index (WAI) oder Presenteeism-Skalen empfohlen |
| Haupttreiber Präsentismus | Psychische Belastung, Schmerzen, Erschöpfung | GBPsych + Stressmanagement reduzieren Präsentismus direkt |
| Unsichtbarkeit des Problems | Präsentismus in AU-Statistiken nicht sichtbar | Mitarbeiterbefragungen + Produktivitätskennzahlen nötig |
| Interventionsansatz | Belastungsreduktion > Einzelmaßnahmen | Strukturiertes BGM-System, nicht punktuelle Aktionen |
Was Präsentismus ist — und warum er teurer ist als Fehlzeiten
Präsentismus bezeichnet das Phänomen, dass Mitarbeitende anwesend sind, aber aufgrund von Krankheit, Erschöpfung oder psychischer Belastung deutlich weniger produktiv arbeiten als im Normalzustand. Im Gegensatz zu Fehlzeiten (Absentismus) ist Präsentismus in Krankenstandsstatistiken unsichtbar.
Die BAuA-Metaanalyse GD 60 wertete 285 Studien aus und kommt zu einem klaren Befund: Volkswirtschaftlich übersteigen die Kosten durch Präsentismus die direkten Fehlzeiten-Kosten. Wer BGM nur auf AU-Tage zielt, unterschätzt den Gesamtschaden — und unterschätzt damit auch den potenziellen ROI strukturierter Gesundheitsförderung.
Konkretes Beispiel: Ein Mitarbeitender mit dauerhaftem Rückenschmerz fehlt 5 Tage/Jahr (Absentismus = 5 × Lohnfortzahlung = messbar) — ist aber an 80 Tagen mit 60 % Kapazität anwesend (Präsentismus = 80 × 40 % Produktivitätseinbuße = nicht in AU-Statistik). Die Präsentismus-Last ist hier deutlich höher.
Welche Erkrankungen verursachen den höchsten Präsentismus?
Die BAuA GD 60-Analyse zeigt: Psychische Erkrankungen sind der stärkste Präsentismus-Treiber. Depressionen, Angststörungen und Burnout führen zu besonders starken Leistungseinbußen bei formaler Anwesenheit — gerade weil die Erkrankungen kognitiv wirken (Konzentration, Entscheidungsfähigkeit, Kreativität) und nach außen nicht sofort sichtbar sind.
Ebenfalls relevant: chronische Schmerzzustände (Rücken, Migräne), Erschöpfungszustände (noch nicht als AU-Fall erkannt) und frühzeitige Rückkehr nach AU ohne vollständige Genesung. Der letzte Punkt ist für BGM besonders relevant: zu frühe Rückkehr nach Krankheit erhöht Rückfall-Risiko und verlängert die Gesamtbelastung.
Für die BGM-Praxis bedeutet das: GBPsych (§5 ArbSchG) ist nicht nur eine AU-Präventionsmaßnahme — sie adressiert direkt die Haupttreiber des Präsentismus. Stressmanagement, Führungskultur und Handlungsspielraum wirken auf Präsentismus genauso stark wie auf Fehlzeiten.
- Psychische Erkrankungen: stärkster Präsentismus-Treiber (kognitiv, nicht sichtbar)
- Chronische Schmerzen: Rücken, Migräne — verbreiteter und unterschätzter Faktor
- Frühzeitige Rückkehr nach AU: Rückfall-Risiko erhöht Präsentismus-Last langfristig
- Erschöpfung (noch vor AU-Diagnose): häufigster Frühindikator
- GBPsych + Stressmanagement: direkte Interventionen gegen die Haupttreiber
Präsentismus messen — und in den BGM-ROI einrechnen
Die BAuA GD 60 identifiziert als Hauptproblem bei der Präsentismus-Erfassung: Es gibt kein einheitliches Messinstrument. In der Forschung werden verschiedene Ansätze genutzt — Work Ability Index (WAI), Health and Work Performance Questionnaire (HPQ), Stanford Presenteeism Scale (SPS-6). Für die BGM-Praxis ist wichtig: welches Instrument auch gewählt wird, es muss regelmäßig und anonym erhoben werden.
Für den Vorstandsbericht: Kombinieren Sie AU-Tage (Absentismus) mit Mitarbeiterbefragungs-Daten zur Arbeitsproduktivität. Wenn Befragung zeigt 'ich arbeite häufig auf halber Kapazität', ist das die Präsentismus-Messung. Eine einfache Frage genügt als Näherungswert: 'An wie vielen Tagen in den letzten 4 Wochen haben Sie krank gearbeitet?'
In den BGM-ROI einrechnen: Konservative Schätzung — Präsentismus entspricht 50–100 % des Absentismus-Werts. Bei 100 MA, 19,1 Fehltagen Ø und 150 €/Tag Tagessatz: Absentismus-Block = 286.500 €, konservativer Präsentismus-Aufschlag +50 % = 143.250 €. Gesamtblock = 429.750 €. BGM-Investition von 20.000 € mit IGA-Median-ROI 1:2,7 ergibt Einsparung von 54.000 € — nur aus dem Absentismus-Teil.
Passende Maßnahmen & Themen
Das Wichtigste in Kürze
- BAuA GD 60 (285 Studien): Präsentismus-Kosten übersteigen Absentismus-Kosten volkswirtschaftlich
- Psychische Erkrankungen sind der stärkste Präsentismus-Treiber — GBPsych adressiert die Hauptursache
- Präsentismus ist in AU-Statistiken unsichtbar — BGM braucht Mitarbeiterbefragungen als Ergänzung
- BGM-ROI wird unterschätzt, wenn nur AU-Tage gezählt werden — Präsentismus-Aufschlag 50–100 %
- GBPsych (§5 ArbSchG) ist die wichtigste Präventionsmaßnahme gegen die Haupttreiber des Präsentismus
Häufige Fragen
Warum wird Präsentismus in der Debatte seltener erwähnt als Fehlzeiten?+
Weil Fehlzeiten sichtbar und messbar sind: AU-Tage erscheinen in der Gehaltsabrechnung, im Krankenstandsbericht, in der Betriebsprüfung. Präsentismus erscheint nirgendwo automatisch. Die BAuA GD 60 macht explizit: diese Unsichtbarkeit führt systematisch dazu, dass Unternehmen den wahren Produktivitätsschaden durch Gesundheitsbeeinträchtigungen unterschätzen — und damit auch den BGM-ROI zu niedrig ansetzen.
Kann man Präsentismus rechtlich geltend machen?+
Nein — Präsentismus ist kein Rechtsbegriff. Es gibt keine gesetzliche Pflicht, Präsentismus zu messen oder zu melden. Die Relevanz ist wirtschaftlich, nicht juristisch: Unternehmen, die Präsentismus nicht adressieren, verlieren Produktivität ohne sichtbaren Auslöser. Rechtliche Anknüpfungspunkte bestehen indirekt: GBPsych (§5 ArbSchG) verpflichtet zur Erfassung psychischer Belastungen — die Haupttreiber von Präsentismus.
Was ist der Unterschied zwischen Präsentismus und innerer Kündigung?+
Innere Kündigung (Quiet Quitting) ist ein Motivationsproblem — der Mitarbeitende leistet bewusst nur Minimum. Präsentismus ist ein Gesundheitsproblem — der Mitarbeitende will leisten, kann es aber aufgrund von Erschöpfung, Schmerz oder psychischer Belastung nicht vollständig. Die Maßnahmen unterscheiden sich: Innere Kündigung → Engagement, Führung, Sinnhaftigkeit. Präsentismus → Belastungsreduktion, BGM, GBPsych.
Was empfiehlt die BAuA konkret gegen Präsentismus?+
Die BAuA GD 60 empfiehlt systemische Ansätze statt Einzelmaßnahmen: (1) Belastungsanalyse durch GBPsych — Haupttreiber erkennen. (2) Maßnahmen gegen psychische Belastung: Stressmanagement, Führungskultur, Handlungsspielraum. (3) Betriebliche Rehabilitation fördern: keine zu frühe Rückkehr nach AU. (4) Präsentismus als BGM-Kennzahl etablieren: regelmäßige Befragung ergänzt AU-Statistik.
Präsentismus und Absentismus gemeinsam reduzieren
EasyBGM erfasst beide Dimensionen — GBPsych-Pflicht, BEM-Fristen und BGF-Dokumentation in einem System.
Quellen
- BAuA GD 60: Präsentismus — Begriff, Konzepte und Erhebungsmethoden (Meta-Review) ↗
- §5 ArbSchG — Beurteilung der Arbeitsbedingungen ↗
- IGA-Report 40: Wirksamkeit und Nutzen betrieblicher Gesundheitsförderung ↗
Stand: 2026-06-27. Keine Rechts- oder Steuerberatung — im Einzelfall fachlich prüfen lassen.