BEM 42-Tage-Frist
BEM ab 42 Tagen: Wann genau muss der Arbeitgeber das Gespräch anbieten?
Ab 42 kumulativen Arbeitstagen Fehlzeit in den zurückliegenden 12 Monaten muss der Arbeitgeber dem Beschäftigten ein BEM-Gespräch anbieten (§167 Abs. 2 SGB IX). Die Pflicht entsteht mit Überschreiten der Schwelle — nicht erst am Monatsende.
BEM 42-Tage-Regel: Häufige Fragen und Antworten
| Frage | Antwort |
|---|---|
| Werden Arbeitstage oder Kalendertage gezählt? | Arbeitstage (tatsächliche Arbeitstage laut Arbeitsvertrag, keine Wochenenden/Feiertage) |
| Zählen alle Fehlzeiten zusammen? | Ja — alle krankheitsbedingten Fehlzeiten im 12-Monats-Fenster kumulativ, unabhängig von der Erkrankung |
| Wann beginnt das 12-Monats-Fenster? | Rollierend: immer die letzten 12 Monate rückwärts ab dem aktuellen Datum |
| Muss ich BEM anbieten oder nur anbieten können? | Aktiv anbieten und dokumentieren — Ablehnung durch MA entbindet vom Angebot, nicht von der Dokumentation |
| Gilt die Pflicht auch bei einem einzigen langen Krankheitsfall? | Ja — 42 Tage wegen einer einzigen Erkrankung reichen aus (z.B. Unfall, Operation) |
| Was wenn der MA ablehnt? | Dokumentieren (Einladung + Reaktion), nach neuem Anlass erneut anbieten. Keine weiteren Pflichten bis nächste Auslösung |
Wie wird die 42-Tage-Schwelle korrekt berechnet?
Die Berechnung erfolgt kumulativ über ein rollierndes 12-Monats-Fenster. Das bedeutet: Es werden alle krankheitsbedingten Fehlzeiten der letzten 12 Monate addiert — unabhängig davon, wie viele verschiedene Erkrankungen vorlagen oder ob die Fehlzeiten zusammenhängen. Fehlzeiten aus länger als 12 Monaten fallen aus dem Fenster heraus.
Gezählt werden Arbeitstage — nicht Kalendertage. Wer Montag bis Freitag arbeitet, hat pro Woche 5 potenzielle Fehltage. Bei einer 4-Tage-Woche entsprechend 4. Teilzeitbeschäftigte zählen nach ihren vertraglich vereinbarten Arbeitstagen.
Beispiel: Ein Mitarbeitender war im September 10 Tage krank, im November 15 Tage, im Februar 12 Tage und im März 8 Tage — macht 45 kumulative Arbeitstage in 12 Monaten. BEM-Pflicht ausgelöst sobald der 43. Tag erreicht ist. Nicht erst zum Quartalsende oder zum nächsten HR-Auswertungstermin.
Wichtig: Die Pflicht entsteht mit dem Überschreiten der Schwelle — sofort, nicht mit Verzögerung. In der Praxis bedeutet das: Systeme müssen täglich prüfen, nicht monatlich. Wer nur einmal im Quartal auswertet, verpasst die Einladungspflicht regelmäßig.
Was muss die BEM-Einladung enthalten?
Das BAG (7 AZR 698/14) hat konkrete Anforderungen an die BEM-Einladung formuliert: Sie muss schriftlich erfolgen, den Zweck des BEM erklären (Erhalt des Arbeitsplatzes, Überwindung der Arbeitsunfähigkeit), und auf das Recht hinweisen, die Teilnahme abzulehnen. Außerdem muss die Einladung informieren, welche Daten ggf. erhoben werden und wer Zugang zu den Ergebnissen hat.
Formale Mindestanforderungen der Einladung: (1) Hinweis auf §167 Abs. 2 SGB IX. (2) Freiwilligkeit der Teilnahme und Konsequenzlosigkeit bei Ablehnung. (3) Beschreibung des BEM-Verfahrens (Gesprächspartner, Ablauf, Ziel). (4) Datenschutzhinweis (welche Daten, wer hat Zugang, Löschfristen). (5) Benennung der BEM-Ansprechperson.
Was die Einladung nicht enthalten darf: Andeutungen, dass Nicht-Teilnahme negative Konsequenzen hat. Das BEM ist kein Kontrollinstrument — es ist ein Unterstützungsangebot. Einladungsformulierungen wie 'müssen Sie erscheinen' oder 'wir erwarten Ihre Teilnahme' machen das BEM-Verfahren angreifbar.
Die Reaktion auf die Einladung muss dokumentiert werden: Annahme + Gesprächsprotokoll, oder Ablehnung + Datum + Art der Ablehnung (schriftlich/mündlich). Ohne diese Dokumentation gilt das BEM als nicht durchgeführt — auch wenn es faktisch stattgefunden hat.
Welche rechtlichen Konsequenzen hat ein fehlendes BEM?
Das BAG hat in ständiger Rechtsprechung (seit dem Urteil vom 12.07.2007, 2 AZR 716/06, bekräftigt durch 7 AZR 698/14) entschieden: Eine krankheitsbedingte Kündigung ist unverhältnismäßig, wenn zuvor kein BEM durchgeführt oder angeboten wurde. Das Arbeitsgericht prüft bei jeder krankheitsbedingten Kündigung ob BEM ordnungsgemäß angeboten wurde.
Fehlendes BEM verlagert die Beweislast: Normalerweise muss der Arbeitnehmer beweisen, dass es zumutbare Weiterbeschäftigungsmöglichkeiten gibt. Hat der Arbeitgeber kein BEM durchgeführt, muss er beweisen, dass BEM nichts gebracht hätte — was faktisch kaum zu beweisen ist. Im Ergebnis: Kündigung wird unwirksam.
Praxisfall: Ein Mitarbeiter war in 3 Jahren 387 Tage krank. Der Arbeitgeber kündigte krankheitsbedingt — ohne je ein BEM angeboten zu haben. Das BAG (7 AZR 698/14): Kündigung unwirksam. Der Arbeitgeber konnte nicht nachweisen, dass BEM die Kündigung nicht hätte vermeiden können.
Kostendimension: Ein gescheiterter Kündigungsschutzprozess kostet typischerweise 10.000–30.000 € (Abfindung + Prozesskosten + Weiterlohnzahlung während des Verfahrens). Die BEM-Dokumentation, die diesen Prozess verhindert hätte, kostet — bei konsequenter digitaler Erfassung — Minuten.
Passende Maßnahmen & Themen
Das Wichtigste in Kürze
- 42 kumulative Arbeitstage in 12 Monaten = Pflicht zum BEM-Angebot — täglich zu monitoren
- Schriftliche Einladung mit 5 Pflichtbestandteilen: Rechtsgrundlage, Freiwilligkeit, Ablauf, Datenschutz, Ansprechperson
- Fehlendes BEM macht krankheitsbedingte Kündigung unwirksam (BAG 7 AZR 698/14)
- Dokumentation der Reaktion (Annahme oder Ablehnung) ist ebenso Pflicht wie das Angebot
- Das BEM-Fenster rollt täglich — monatliche Auswertungen reichen nicht
Häufige Fragen
Gilt die 42-Tage-Frist auch für Mini-Jobber und Aushilfen?+
Ja. §167 SGB IX gilt für alle Beschäftigten im sozialversicherungspflichtigen Arbeitsverhältnis, auch für geringfügig Beschäftigte, Teilzeitkräfte und befristet Beschäftigte. Die einzige Ausnahme: Beamte und Selbstständige fallen nicht unter das SGB IX.
Muss der Arbeitgeber jedes Jahr neu BEM anbieten?+
Ja — wenn die Fehlzeit-Schwelle in einem neuen 12-Monats-Fenster wieder überschritten wird. Das 12-Monats-Fenster rollt kontinuierlich. Wurde BEM letztes Jahr angeboten und der MA hat abgelehnt: Sobald in einem neuen Betrachtungszeitraum wieder 42 Tage erreicht sind, muss erneut eingeladen werden.
Kann BEM auch vor Ablauf der 42 Tage angeboten werden?+
Ja — das Frühwarnsystem (Early Intervention) empfiehlt sogar einen frühzeitigeren Kontakt. Das Angebot vor Erreichen der Pflichtgrenze ist freiwillig und zeigt Fürsorge des Arbeitgebers. Es ersetzt aber nicht das formelle BEM nach §167 SGB IX wenn die Schwelle später doch erreicht wird — das formelle Verfahren mit allen Dokumentationspflichten muss zusätzlich erfolgen.
Was passiert wenn der Betriebsrat beim BEM nicht einbezogen wird?+
§167 Abs. 2 SGB IX schreibt vor, dass der Betriebsrat auf Wunsch des Beschäftigten einbezogen werden muss. Das BEM-Gespräch selbst ist aber kein mitbestimmungspflichtiger Akt — der Betriebsrat hat kein Recht auf erzwungene Teilnahme ohne Wunsch des MA. Betriebe mit Betriebsrat sollten das BEM-Verfahren aber in einer Betriebsvereinbarung regeln (Prozess, Datenschutz, Beteiligte).
Wie lange müssen BEM-Unterlagen aufbewahrt werden?+
Für die Dauer des Arbeitsverhältnisses und darüber hinaus für den Zeitraum möglicher Kündigungsschutzprozesse (3 Jahre nach §4 KSchG Klagefrist, gerechnet ab Kündigung oder Ausscheiden). Tipp: Da BEM-Unterlagen Gesundheitsdaten sind (Art. 9 DSGVO), müssen sie nach diesem Zeitraum aktiv gelöscht werden — kein unbegrenztes Aufbewahren.
BEM-Fristen automatisch überwachen — kein manuelles Zählen mehr
EasyBGM erkennt die 42-Tage-Schwelle täglich automatisch, erstellt BEM-Einladungen nach Vorlage und dokumentiert revisionssicher.
Quellen
- §167 Abs. 2 SGB IX — Betriebliches Eingliederungsmanagement ↗
- BAG-Urteil 7 AZR 698/14 (19.05.2016) — Krankheitsbedingte Kündigung bei fehlendem BEM ↗
- BAG-Urteil 2 AZR 716/06 — Grundsatzurteil BEM-Pflicht ↗
- BMAS — Handlungsleitfaden BEM ↗
- BAuA — Leitfaden BEM für Arbeitgeber ↗
Stand: 2026-06-27. Keine Rechts- oder Steuerberatung — im Einzelfall fachlich prüfen lassen.